Es gibt kein Bild auf dieser Welt, das nicht ein anderes herausfordert

Rede von Daniel Schwartz anlässlich der Vernissage der Ausstellung Geschichten von der Globalisierung am 2. September 2004 im EWZ Unterwerk Selnau, Zürich.

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In seinem Roman «Victory» lässt Joseph Conrad die Tropical Coal Belt Company Bankrott gehen und schickt ihr den folgenden Satz nach: Die Welt der Finanzen ist eine rätselhafte Welt, in der, so unglaublich es scheinen mag, die Evaporation der Liquidation vorausgeht. Er macht sich Gedanken über Prospekte der Company, auf der sternförmige Linien durch die Tropen liefen – Einflusslinien, Entfernungslinien oder so ähnlich.

Schon in ihren früheren Phasen war die Globalisierung schwer festzumachen. Abstrakte Schemata illustrierten damals wie heute die weltweiten Produktions- und Distributionssysteme. Und die Epoche der imperialen Abenteuer und Machenschaften war lange nicht die früheste Phase des Phänomens der Globalisierung. So wie heute unsere Automobile transkontinental verteilt, verkauft, wiederverkauft und entsorgt werden, so wurde vor zweieinhalb Tausend Jahren die Technologie des Streitwagens von den Küsten des Mittelmeers über die sibirischen Steppen der Skyten bis zu den Han in China transportiert. Und wer will kann noch früherer Phasen der Globalisierung ausmachen, die Zeit etwa, als schwarze Esel den Lapis Lazuli aus dem heutigen Afghanistan nach Ägypten trugen. Ohne diesen Stein wäre die Maske des Tutenchamuns nicht, was sie ist.

Immer ging es um Ströme. Ströme von Resourcen und Gütern, Ideen und Bildern, Information und Währungen. Aber nicht nur. Denn immer war bei der Globalisierung auch Assimilation mit im Spiel.

Historisch ist es nichts neues, dass das Schicksal von Menschen durch Entscheidungen bestimmt wird, die fernab ihrer eigenen Lebensräume gefällt werden. Heute aber fragen wir uns zuweilen, ob die Parameter unseres Daseins uns noch durch Menschen zugetragen werden, oder ob wir nicht längst schon die Kontrolle verloren haben und das System sich unserer entledigt hat.

Während die Interdependenzen zwischen Menschen, Kulturen, Staaten, Gesellschaften wächst, ist einstweilen und bis auf weiteres der Globalisierungsprozess weit davon entfernt, homogenisierend zu wirken. Globale Strategien und lokale Auswirkungen bleiben ein ungleiches Paar.

Sklaven waren die Währung im Dreieckhandel zur Zeit des Kolonialismus. In Container gepferchte Menschen sind der Skandal unserer Zeit. Der Container ist die Norm, das Mass der heutigen Globalisierung. Dschingis Khan war ein Globalisierer. Er stiess das Tor auf zu einer zusammenhängenden Weltgeschichte, wie es sie vorher nicht gab. Marco Polo schritt durch dieses Tor als Vorläufer der heutigen transnationalen Elite von Wirtschaft und Finanz, Kultur und Unterhaltung. Die Glasfaserkabel der Gegenwart liegen auf dem Meeresgrund neben den Kautschukmänteln der Telegrafenkabel des späten 19. Jahrhunderts.

Sie ist nicht kleiner geworden, die Welt, seit Schiller einem Pappmodell von ihr den Namen Globus gab.

Aber die bekannte Geografie hat sich verändert. Das was wir einmal Dritte Welt genannt haben ist längst nicht mehr auf der südlichen Hemisphäre lokalisiert. Der Süden findet auch im Norden statt. Und umgekehrt – punktuelle erste Welt direkt neben Zusammenballungen grössten Elends. Der Globus ähnelt mit seinen Flecken und Zonen sozialen Ausschlusses – sie ergeben das Bild der entstehenden neuen Vierten Welt – dem Fell eines Schakals.

Eine wachsende Zahl von Menschen läuft Gefahr, nur in der Form von Ausschluss an der Globalisierung teilzuhaben. Während der andere Teil immerfort gezwungen ist, mit der grundsätzlichen und unwiderruflichen strukturellen Transformation Schritt zu halten. Entrinnen können den Verlockungen und Segnungen, der Dynamik und dem Appetit der Globalisierung weder die einen noch die andern.

Das wirtschaftliche Engagement der multinationalen Konzerne in der Vierten Welt hat nicht allein die Abhängigkeit dieser Länder vom Weltmarkt verstärkt. Es führt auch zu einer wachsenden Abhängigkeit der Wirtschaftskonzerne von diesen Ländern

Zur Globalisierung gibt es keine Alternative, und ihre Probleme und Herausforderungen, sind wohl nur in ihrem Rahmen zu lösen. Die Abschaltung der Globalisierung wäre nur um den Preis der Missachtung fundamentaler Rechte und individueller Freiheiten zu erkaufen.

Bleibt uns also, den mühseligen und langwierigen Weg des Organisierens einzuschlagen – bis zu Kants ewigem Frieden – und uns mit diesem ambivalenten Phänomen zu beschäftigen.

Wie wir wissen, führt Globalisierung zu Polarisierung. Wenn sich alles verändert und das Gefühl von Machtlosigkeit um sich greift, dann beginnen Menschen, sich an Zeichen und Symbole zu klammern, die Orientierung verheissen.

Nun haben wir die Erfahrung gemacht, dass das Foto von einem Gewehr in der Hand eines Irakers nichts zu diesem Krieg aussagt. Und ebensowenig ist die eingeschlagene Scheibe eines MacDonalds Ausdruck einer nachhaltigen Beschäftigung mit den Herausforderungen der Globalisierung. In beiden Fällen konstantieren wir zwar Ohnmacht. Ohnmacht des Fotografen, der weiss, dass das Gewehr höchstens ein Element der Komposition ist. Ohnmacht des Steinwerfers als Ausdruck von Angst, Frustration und Wut. Weder das Bild vom Gewehr noch der Pflasterstein kommen der Sache wirklich nahe. In der sogenannten Informationsgesellschaft verschwindet die Wirklichkeit zusehends unter den Fakten.

Und wie wäre sie nun zu fotografieren, diese Globalisierung? Dieser Prozess, der nur in seinem ständigen Wandel zu begreifen ist?

Anstatt ihre vermeintlichen Resultate zu dokumentieren, haben sich zwei Fotografinnen und acht Fotografen an ausgewählte Orte aufgemacht, wo einige der Tendenzen beobachtet werden können, aus denen das Phänomen besteht. Sie haben im Raum der Ströme sondiert, als den man unsere heutige Welt zu definieren versucht. Ströme, die grosse soziale und kulturelle Veränderungen hervorbringen. Ströme, die in schwer voraussehbarem Mass zerstören und erschaffen.

Die zehn Geschichten, die Sie hier sehen, sind also Auftragsarbeiten. Sie wiederspiegeln nicht eine bestimmte ästhetsiche Richtung oder Tendenz. Es handelt sich zwar um Fotografie, aber vor allem nicht nur um sie.

Jede Geschichte ist eine souveräne Leistung, zustandegekommen dank sorgfältiger Recherche sowie Umsicht und Insistenz vor Ort. Organisch fügen sie sich zusammen. Nicht nur weil die Autorinnen und Autoren im Ganzen dachten, sondern weil das Projekt einen inneren Agitator hatte. Dieser Agitator war das Vetrauen. Als Produzent war es ein Privileg, diese Qualität, denn so möchte ich den Zustand des Vetrauens nennen, vom Projektinitiator Walter Fust, Direktor der DEZA, an die Fotografinnen und Fotografen weiterzugeben.

Wenn Sie nun die Ausstellung in der vorgeschlagenen Reihenfolge abschreiten – aber sie sind eingeladen, auch ihren eigenen Weg durch die trügerische Welt der Globalisierung zu machen – wenn Sie also den Geschichten entlanggehen, dann werden Sie durchaus Zusammenhänge entdecken können.

Von der Gegenwart der Megalopolen in Asien und einem Vorgeschmack weltweiter urbaner Zukunft gelangen wir nach Amerika, in das Heimatland der moderenen Globalisierung, wo die Ideologie einer offenen Welt entstand.

Von der Grossmacht des 20. Jahrhunderts führt uns der Weg zur italienischen Modeindustrie und den Vertretern der neuen Elite des 21. Jahrhunderts. Auf die Paradoxien und die Hybridisierung der Weltkonsumgesellschaft folgt eine Blick auf die Existenzbedingungen unter sogenannter relativer Armut in Belgien.

In Südasien sehen wir dann die Fragmentierung und Zerschlagung traditioneller Gemeinschaften unter absoluter Armut und schwierigen Umweltbedingungen. Von der ökologischen Katastrophe gelangen wir zum Aftermath der kriegerischen Katastrophe im Balkan.

In Ländern Afrikas sehen wir dann, wie sich nach dem Ende der Ressourcenkriege eine Andeutung von Normalität um den Sport herum zu formieren beginnt. Wohin Ambitionen und Träume der Migranten führen beobachten wir in den intimen Interieurs der Pariser Banlieus.

Und während dort die Welt ankommt, haben wir es anschliessend bei Vietnam mit einer Nation zu tun, die in der Welt ankommt, dabei aber versucht, sich nicht durch globale wirtschaftliche Zwänge vereinnahmen zu lassen. Resistenz als Reaktion sicherte auch das Überleben afrikanischer Urreligionen, die während dem transatlantischen Sklavenhandel nach Brasilien gelangten.

Es ist eine Reise durch eine Welt – oder so etwas ähnliches.

Nun gibt es aber auch die elfte Geschichte. Die Architektur der Ausstellung. Sie hat sich vom Raum der Ströme inspirieren lassen und stellt ihn in dieser Halle dar. Die Installation bildet ein uniformes Raster, und Kodierung verankert die 241 Fotografien als Folge. Von jeder Fotografie aus ist die ganze Welt überschaubar, so wie es uns die Globalisierung glauben macht. Aber die Erde ist kein beruhigter Ort. Von nah gesehen, ist jeder einzelne Ausschnitt dieser Welt doch sehr verschieden, auch wenn es um dasselbe geht: das Durchkommen.

Wenn wir durch die Ausstellung wandern, bemerken wir, dass es über die Giebel der Bilderpulte und Korridore hinweg zu überraschenden Dialogen zwischen Fotografien kommt. Es gibt eben kein Bild dieser Welt, das nicht ein anderes herausfordert.